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Wenn das Telefon schweigt und die Liebe ausbleibt

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Wenn das Telefon schweigt und die Liebe ausbleibt

Wenn das Telefon schweigt und die Liebe ausbleibt

Mutter und Tochter, eine schwierige Verbindung, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. Die Geschichte von Paula zeigt, wie es nicht sein sollte. Jedes Kind hat es verdient, geliebt zu werden.

 

Auf einmal ist alles anders

Das Telefon schweigt seit Wochen. Eigentlich telefonieren sie jede Woche, Paula und ihre Mutter. Aber mit ihrem Wegzug vor vielen Jahren ist das Verhältnis anders geworden. Paula lebt in einer Großstadt, vier Autostunden entfernt von ihrem Elternhaus.

Die Kinder der DDR

Sie ist behütet aufgewachsen, in der DDR. So richtig schön in einer der vielen Einheitsplatten. Damals bekam man nicht so einfach eine Wohnung, nach dem Motto „ Guten Tag, wir hätten gerne eine Wohnung. Was können Sie uns anbieten?“ Der Wohnungsmarkt war sehr dünn, aber niemand musste auf der Straße leben.

1-2-3-4

Für jeden Typ Familie gab es die entsprechende 1/2/3/4 Raumwohnung. Ja, so hieß das im Osten. Paula und ihre Eltern bewohnten eine 4 Raumwohnung, für 90 Ostmark warm. Dafür bekommt man heute teilweise nicht mal die Nebenkosten bezahlt. Mit in der Familie wohnte auch Paulas Bruder Andreas. Das Leben in der Kleinstadt war okay, Paula und ihr jüngerer Bruder hatten eine schöne Kindheit.

Veränderungen

Als Paula 16 war, kamen ihre Eltern auf die Idee, das Elternhaus ihrer Mutter umzubauen. Der erste Umzug stand an. Einen Teenager von der Kleinstadt auf das Dorf zu verfrachten glich der Todesstrafe. Paulas Welt brach zusammen, als es dann endlich soweit war. Das Gute an der ganzen Sache war, dass sich das Dorf nur 7km von ihrer Schule und den coolen Stadtfreunden befand. Paula, das Mädchen aus der Stadt lebte fortan zwischen Kühen, Weiden, Wiesen. Der Geruch von Trabant Abgasen verwandelte sich in schönen frischen LPG Dünger.

Eltern sind so anstrengend 

Das war die Phase als Paula ihre Eltern, aber insbesondere ihre Mutter hasste. „Warum verstehen meine Eltern mich einfach nicht? Wie kann man auf so einem Dorf wohnen, wo abends die Gehwege hochgeklappt werden?“ Wenn es denn überhaupt Gehwege gab. (Sie hatten ja „nüscht“ in der DDR, wie Paula immer gerne sagt. Natürlich lebten sie ein gutes Leben.)
Zum Glück konnte sie ihre Eltern überreden, weiter in ihrer alten Schule zu bleiben. Ihre Mutter wollte sie nämlich auf die Dorfschule verfrachten. Sie sah kein Problem in der ganzen Sache.

Daten auf dem Dorf

Aber wie sollte Paula jemals einen Jungen kennenlernen, geschweige denn irgendwelche anderen Freunde finden?
Die Tage vergingen. Paula igelte sich immer mehr ein. Schon damals war das Verhältnis zu ihrer Mutter nicht immer gut. Irgendwann lernte sie ihren Freund Rico kennen. Jetzt denkt ihr sicherlich, eine der vielen Namen, die gleich die Herkunft verraten. Ja, das kann mal so sagen. Das dachten sich auch die Eltern von Rico und entschieden sich für einen exotischen Namen. Das war die einzige Gelegenheit, in der das sozialistische System keinen Einfluss hatte.

Die Wahl der Vornamen

So entstanden die Sandys, Cindys, Mandys und wie sie alle heißen. Und eben auch der Name von Paulas  Freund Rico. Er war in der Stadtschule 2 Jahrgänge über ihr, bereits mit 18 und fuhr er mit seiner grasgrünen „Simson“ durch die Welt. Ein cooler Typ, auch wenn er sich bei der Größenvergabe nicht so gemeldet hatte. Sie mochte Rico, er sie. Ihr war es egal, dass er nicht ganz so groß war. Schon damals zeigte ihre Mutter sehr oberflächliche Seiten. Als sie Rico dann das erste Mal zu Hause vorstellte, kam hinterher nicht: „Oh, der ist aber nett“, sondern „Ist ein wenig zu klein für dich.“

Verletzte Gefühle

Paula war sehr gekränkt. Wie gerne hatte sie sich gewünscht, dass ihre Mutter ihr auch mal wie eine Freundin und Beraterin zur Seite stand. Stattdessen kontrollierte sie heimlich den Regelkalender mit dem mahnenden Zeigefinger, dass sie ja die fruchtbaren Tage hat. Ihre Mutter hatte mehr Angst, dass sie Oma wird. Auch das sagte sie Paula ins Gesicht.

Mama, bitte hab mich lieb

Überhaupt bekam Paula wenig Bestätigung oder mal ein „Ich habe dich lieb. Ich bin so stolz auf dich mein Kind.“
Sie machte ihrer Mutter nie Probleme. Paula war eine gute Schülerin. Sie wurde nach jedem Zeugnis zusammen mit den anderen Besten aus der Klasse auf dem Fahnenappell geehrt. So Eine war Paula. Fleißig, strebsam, zuverlässig. Der erste Knutschfleck von Rico wurde mit Zahnpasta bearbeitet, in der Hoffnung er würde sofort verblassen und verschwinden. Das war natürlich ein Witz. Diesen Tipp hatte Paula in der Bravo gelesen, die jemand heimlich in die DDR geschmuggelt hatte. Schmuggeln, wie sich das anhört. Aber in ihrer Klasse und an der Schule durfte man keine Sachen des Klassenfeindes tragen, wie beispielsweise Plastiktüten.

Coole Jungs trugen Plastiktüten

Der coole Tom aus der Oberstufe stand bei einem der legendären Fahnenappelle mit einer Plastiktüte eines damals erfolgreichen West Kaufhauses in der 1. Reihe. Die Direktorin schrie durch das Mikrofon seinen Namen und dass er sofort diese Plastiktüte abgeben sollte. Den Rest des Tages trug er dann seine Schulsachen umher. Paula und all die anderen Schüler feierten ihn dafür. Er war der coolste Junge an der Schule, alle Mädchen schwärmten für ihn.

Die erste Liebe- Zeit für Experimente

Paula blieb ihrem Rico treu. Er durfte dann auch irgendwann bei ihr schlafen, aber natürlich in einem anderen Zimmer. Das hinderte die zwei nicht daran, sich nachts zu treffen und auf Erkundungsreise zu gehen. Spannend war es mit dem ersten Freund. Wie sehr hat sie sich gewünscht, dass ihre Mutter sie mal befragt, ihr Tipps gibt, einfach für sie da war, aber leider kam das nie. Auch als das mit ihr und Rico in die Brüche ging und der erste Liebeskummer so schlimm und das Leben in Paulas Augen zu Ende war. Fehlanzeige, denn es gab nicht mal eine Umarmung ihrer Mutter.

Die neue Welt

Paula bereiste die Welt, als die Grenze zwischen Ost und West Geschichte war. Sie fühlte sich, als müsste sie die Welt verändern. Ihr Dorf war ihr schon längst zu klein geworden. Paula lebte ein Jahr in Amerika in einer Gastfamilie, lernte die Sprache, betreute die Kinder und lernte den „American Way of life“ kennen. Das kleine Mädchen aus dem Kuhdorf eroberte Amerika ( jedenfalls in ihrer Welt).
Das Heimweh plagte sie während dieser Zeit nur sehr selten. Ihre Eltern besuchten sie in Amerika, um das Leben und die Gastfamilie kennenzulernen. Paula hatte extrem abgenommen in der Zeit, trotz der ganzen Low Fat Fake Geschichten,  Diet Cokes und all dieser anderen ungesunden Leckereien. Ihr Papa sah das sofort und war ganz erstaunt. Abnehmen in Amerika? Am Ende sollten es in einem Jahr 15kg werden.

Mama- Wie sehe ich aus?

Sie war nie dick, aber die Schokolade machte sich halt sofort auf ihren Hüften breit. Das alleine nur beim Anschauen. Sie wusste, dass ihre Mutter immer mit Argusaugen die Entwicklung beobachtete. Es war ein ewiger Kampf, egal in welcher Situation.
Das Mama- Tochterverhältnis war und ist immer ein sehr spezielles. Mädchen müssen sich abgrenzen, denn sie wollen anders sein als ihre Mutter. Sie möchten auch nicht mit ihren Müttern verglichen werden, weil es ihnen peinlich ist.
Paula hatte das Aussehen ihrer Mutter, aber nicht die langen Beine laut ihrer Mutter. Sie war ein dickes Baby, das schwerste am Tag ihrer Geburt. Ihre Mutter ließ keine Situation aus, diese Geschichte zum Besten zu geben. Und dann war es für ihre Mutter auch klar, dass das Baby von Paula genauso schwer werden würde. Wenn es dann mal soweit sei.

Einfach nicht wie die eigene Mutter sein

Paula ist so eine Karrierefrau und eine Macherin. Sie liebt ihren Job in einer Personalvermittlung. Oft schiebt sie Überstunden, da bleibt ihr keine Zeit, abends auszugehen. Sie hat eher eine Beziehung mit ihrer Jogginghose als irgendeine mit einem Mann. Paula hat eben gelernt, alleine sein zu können. Das ist ein Prozess, den wohl jeder erst einmal mit sich ausmachen muss. Sich selbst lieben, auf sich acht geben, alleine sein können.

Wer bin ich?

Ihre Mutter weiß so gar nichts über ihr „Liebesleben“, mit wem sie ihr erstes Mal hatte, welche Männer auf ihrem Laken Platz genommen hatten. Paula ist in den Augen ihrer Mutter einfach nicht vermittelbar. Wie oft kam schon der Satz: „In deinem Alter war ich schon verheiratet und hatte 2 Kinder.“
Ja, damals! Jedes Kind mag es, wenn es verglichen wird, damit es sich unter Umständen noch schlechter fühlt.
Die Male an denen ihre Eltern zu Besuch kommen, kann sie fast an einer Hand abzählen. Inzwischen sind ihre Eltern Rentner, aber wie jeder von uns weiß, Rentner haben nie Zeit. Sie sind Diejenigen, die an der Supermarktkasse mit der Hufe scharren, wenn es nicht schnell genug geht. Man spürt ihren Atem im Nacken und kann ihr Augenrollen förmlich hören.
Das weiß auch Paula.

Sei da für mich

Sie wünscht sich so sehr, dass ihre Mutter einfach mal da ist für sie und sie besuchen kommt. Ihre Mama weiß so gar nichts von ihr, der eigenen Tochter. Paula weiß nur, wenn irgendwelche Nachbarn wieder über sie reden. Das erzählt ihre Mutter dann immer brühwarm. Der Dorffunk funktioniert also grandios, und Paula scheint bei allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

Alles ist anders- irgendwie

Und jetzt? Schweigt das Telefon seit Wochen. Beim letzten Treffen hat Paula ein Gespräch mitgehört. Sie hörte wie ihre Mutter sagte, wie froh sie ist, dass Paula weit weg wohnt. Der Moment, in dem Paula einfach platzte und ihrer Mutter all das an den Kopf knallte, was sie ihr nie sagen konnte.
Paula war kein Wunschkind, sie konnte froh sein, dass sie den Abtreibungsversuch ihrer Mutter überlebt hatte und gesund war. Sie musste erst erwachsen werden, um den Mut zu haben, ihrer Mutter zu sagen, wie sehr sie verletzt ist. Dabei möchte sie doch nur geliebt werden, wie jedes Kind.

Ich heiße Sandra, bin 46, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

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