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Liebe kennt kein Geschlecht- mein Outing

Aufklärung

Liebe kennt kein Geschlecht- mein Outing

Photo: Free-Photos (CC0), Pixabay

Liebe kennt kein Geschlecht- mein Outing

Der lange, oft steinige Weg zum eigenen „Ich“. Wie ist es, wenn ein Mensch merkt, dass er auf das eigene Geschlecht steht?

Wie ist es eigentlich, wenn Menschen schon früh wissen, dass sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen? Welche Gefühlswelt durchleben sie? Was sind Ängste und Sorgen? Wie geht das Umfeld damit um? Ich für meinen Teil habe schon früh als Mama beschlossen, dass es egal ist, wen meine Tochter lieben wird. Aber sind alle Eltern so aufgeschlossen?

Ich bin so dankbar und froh, dass mein lieber Kollege Janis sich bereit erklärt und mir seine Geschichte erzählt hat. Ehrlich, emotional, mutig. Steht zu euch, zu euren Gefühlen, zu eurer Liebe!

Wie alles begann.

Mein Name ist Janis und hier kommt meine Geschichte. Wann es angefangen hat, kann ich gar nicht sagen. Kann ein Mensch das überhaupt sagen? Ich habe früher als Kind sehr viel und gerne Zeit mit meiner älteren Schwester verbracht. Auch so umgab ich mich lieber mit Mädchen, mit Jungs zu spielen war für mich uninteressant. Ich hatte eine tolle Kindheit, bis sich meine Eltern 2010 getrennt haben. Das Verhältnis von meinen Geschwistern und mir zu unserem Vater war schlecht. In dieser Zeit sind mein jüngerer Bruder, meine Schwester und ich zusammengewachsen. Wir gaben uns gegenseitig Kraft und Halt, zwischen uns passte kein Blatt Papier. Wir erzählten uns alles, wir weinten, wir lachten gemeinsam, gerade in dieser schweren Zeit.

Ein letztes Mal als Familie und erste Gefühle

Bevor meine Eltern sich trennten, waren wir alle zusammen ein letztes Mal im Urlaub. Da war dieser Junge, der mein Herz zum ersten Mal höher schlagen ließ. Ich hatte mich total in ihn verschossen, habe ihn regelrecht angehimmelt. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir aber nichts weiter dabei. Dass ich schwul sein könnte? Ich wusste damals noch nicht so wirklich etwas damit anzufangen. Mit 12/13 war ich wohl noch in einer Art Findungsphase. Für meine Mama hingegen war schon viel früher klar, dass ich mal auf Männer stehen und keine Freundin und später Enkelkinder mit nach Hause bringen würde. Ich hatte mich tatsächlich bis dato nie für Mädchen interessiert, mit ihnen abhängen ja, aber sie und ihren Körper näher kennenlernen? Mädchen und später Frauen waren für mich nie attraktiv, geschweige denn anziehend für mich.

Neues Leben, neue Erfahrungen

Nach der Trennung meiner Eltern sind wir weggezogen, meine Geschwister und ich lebten zusammen mit meiner Mama in einer kleinen Wohnung. Alles war neu, anders. Das Leben änderte sich von einen auf den anderen Tag. Es gab uns nicht mehr als Familie.

In dieser Zeit schrieb mich ein Junge auf Facebook an, einiges älter als ich. Es war spannend, Neuland für mich. Ich wollte so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen. Vielleicht war es auch so eine Art Ausbruch, um den Schmerz der Trennung zu überwinden. Ich suchte und brauchte Halt. Ich wollte ihn berühren, küssen und suchte seine Nähe, so oft es ging. In dieser Zeit wurde mir das erste Mal klar, dass ich Gefühle für Jungs entwickelte.

Ich wollte mehr von diesem Jungen, aber leider beendete er unsere kurze Begegnung. Das erste Mal hatte ich Herzschmerz, da ich auf Ablehnung stieß. Ich vertraute mich meiner Mama an, sprach mit ihr über meine Gefühle gegenüber Jungs. Sie war immer für mich da, gab mir den nötigen Halt und das Gefühl, dass ich lieben darf, wen ich möchte.

Die erste große Liebe- ein Junge

Mit meinem Schulwechsel lernte ich meine erste große Liebe kennen. Meinen engsten Freunde und meiner besten Freundin vertraute ich mich an. Ansonsten führten er und ich 6 Monate eine heimliche Beziehung. Ich spürte das erste Mal in meinem Leben, was es heißt, jemanden bedingungslos zu lieben: einen Jungen. Wir genossen unser Leben und die Zeit,  die wir miteinander verbrachten. Es war einfach so großartig, wundervoll, einzigartig. Für uns beide war es das erste Mal, wir waren der erste Freund für den Anderen.

Schwulsein und Religion

Aber irgendwann trennte ich mich von ihm. Der psychische Druck wurde zu groß für ihn und mich. Sein Glaube, seine Religion verboten es, mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zusammen zu sein. Ich wollte keine heimliche Beziehung führen, in einem Land, in dem ich frei bin. Dazu kam noch, dass er anfing, mich zu kontrollieren, wohlwissend, dass ich wahrscheinlich diese heimliche Beziehung auf Dauer nicht durchhalten könnte. Mein Herz und meine Gefühle zeigten mir, dass es an der Zeit war, mich zu outen. Ja, ich war erst 15. Aber ich wollte mich nicht mehr verstecken und zu mir stehen.

Ein Großteil outet sich erst später, eher Mitte 20. Jeder geht eben anders damit um. Für viele schwule Männer ist ein langer Prozess, begleitet von Selbstzweifeln, Angst, Fragen. Gibt es einen richtigen Zeitpunkt? Was sagen die Eltern dazu? Wie werden es meine Familie und Freunde aufnehmen? Nicht selten kommt es vor, dass Männer erst heiraten, eine Familie gründen und später feststellen, dass es eben keine Phase ist, in der man etwas für das das gleiche Geschlecht empfindet und sich hingezogen fühlt.

Als ich mit meiner Familie darüber sprach und mein Schwulsein offiziell machte, wurde kein Unterschied gemacht. Das, was meine Mama schon lange wusste, hatte ich zu diesem Zeitpunkt endlich ausgesprochen. Meine Familie stand zu mir und ließ mich nicht fallen, wie es in manchen Familien leider durchaus vorkommt, auch in der heutigen Zeit.

Mobbing in der Schule

Was zu Hause als normal angesehen wurde, war in der Schule genau das Gegenteil. Als es sich bei den Jungs rumgesprochen hatte, dass ich auf Jungs stehen würde, hatte ich eine schwere Zeit. Ich wurde bei jeder Gelegenheit gehänselt, beleidigt, nicht selten auch körperlich angegriffen. Ich war für sie der Außenseiter, der, der “krank” war. Wahrscheinlich wussten sie es nicht anders und hatten sich auch nie damit beschäftigt. Womöglich wurde es ihnen im Elternhaus so erklärt. Schwulsein war in ihren Augen pervers und krankhaft. Aber auf der anderen Seite gab es meine Mädelstruppe, die sich vor mich stellte, die den Jungs die Stirn bot, wenn ich schwach und am Ende meiner Kräfte war. Sie machten sich stark für mich.

Auch wenn sich diese Erinnerungen tief eingebrannt haben, sie machten mich zu einem bodenständigen Mann, der heute mit beiden Beinen im Leben steht, egal wie viel Gegenwind ich auch bekommen habe.

Abrechnung mit meinen Peinigern

Wenn ich heute diese jungen Männer sehe, die damals mein schlimmster Alptraum waren, kann ich mit erhobenem Haupt an ihnen vorbeigehen. Die Meisten von ihnen haben ihr bisheriges Leben auf Abwegen verbracht und sind wohl immer noch in ihrer Drogen- und Selbstfindungsphase.

„Ich geniesse es, wie ihnen die Kinnladen reihenweise herunterfallen.“

Am liebsten würde ich sagen: “Schaut her, ich bin der Junge, den ihr körperlich und seelisch kaputt machen wolltet, nur weil ich in euren Augen wegen meines Schwulseins ein kranker Mensch war. Aus mir ist etwas geworden. Ich bin immer noch schwul. Ich liebe mein Leben und habe etwas erreicht. Und ihr so?”

Aber lohnt es sich überhaupt, auch nur ein Wort ihnen gegenüber zu verlieren? Eher nicht, denn sie leben noch immer in ihrem kleinen Kosmos.

Erschwerend zu meinem Outing kam hinzu, dass mein Vater sich neu liiert hatte und irgendwann diese Frau auch heiratete. Das Verhältnis zu unserem Vater war immer schwierig. Wir drei Geschwister waren immer eher die Mama- Kinder.

Nach der Heirat kündigte sich auch bald noch ein Kind an.

Mein kleinerer Bruder und ich zogen eine zeitlang zu meinem Vater und seiner neuen Familie, aus verschiedenen Gründen.

Meine Mama hatte schon sehr lange vorher ihren Verdacht geäußert, dass ich später wohl eher auf Jungs und Männer stehe. Er wollte es niemals hören, auch für ihn war es eher ekelhaft und befremdlich.

Der perfekte Zeitpunkt?

Aber für mich war klar, ich muss es ihm sagen. Den perfekten Zeitpunkt für so ein Thema gibt es wohl nie. So wählte ich meinen 17. Geburtstag. Der Tag startete mit einem Streit zwischen meinem Vater und mir, eigentlich ein schlechtes Timing. Ich wollte es ihm endlich sagen, ihm und seiner Frau. Habe nur gedacht, schlimmer kann es nicht mehr werden.

Also sprach ich es aus, was er nie wahrhaben wollte. Die Reaktion von Beiden?

Schmerz lass nach!

Ablehnung pur! Sie ließen mich regelrecht fallen, sie forderten Zeit ein. Statt mich aufzufangen, ließen sie mich regelrecht im Regen stehen. Das Schlimmste an der ganzen Sache war auch, dass sich die neue Frau meines Vaters das Recht herausnahm, darüber zu urteilen und mich zu verurteilen. Sie war “nur” die neue Frau, gehörte nicht zu meiner Familie. Mein Vater stimmte ihr zu und stärkte ihr den Rücken. Es fühlte sich an wie ein Faustschlag ins Gesicht.

Ignoranz pur!

Es folgten Monate voller Schweigen, aneinander vorbei leben. Mein Vater konnte mich nicht mehr in den Arm nehmen. Diesen Schmerz, vom Vater abgewiesen zu werden, kann ich einfach nicht in Worte fassen. In dieser Zeit war mein kleiner Bruder immer für mich da. Obwohl ich ja immer ein sehr enges Verhältnis zu meiner großen Schwester hatte, wuchsen mein Bruder und ich zusammen. Er war und ist für mich der tollste Bruder, er gab mir den Halt, den ich mir von meinem Vater wünschte. Das alles ließ mich noch mehr wachsen und stärker werden.

Auch heute ist unser Verhältnis so eng. Mein Bruder lässt nichts auf mich kommen und schaut stolz auf mich. Er hat mich in all dieser schweren Zeit immer gestärkt. Wenn ich ihn brauche, ist er noch immer für mich da. Mein starker Halt, denn er hat ja gewissermaßen meine Selbstfindungsphase mit durchlebt und begleitet.

18 und ein neuer Lebensabschnitt

Mit 18 bin ich von zuhause aus und Richtung Frankfurt gezogen. Mein Bruder und ich mussten uns trennen. Das war ein sehr trauriger Moment, aber ich musste meinen Weg alleine weitergehen, jedenfalls für diesen Moment. Es war für meinen Bruder und mich kaum zu ertragen, den jeweils Anderen jetzt gehen zu lassen. Ich glaube, ich hatte vorher noch nie so geweint in meinem Leben, als ich mich von meinem Bruder verabschiedete.

Auch wenn es ein harter Weg war, kann ich jetzt sagen, mit dem Auszug hat sich das Verhältnis zu meinem Vater gebessert. Ich glaube, wir mussten uns trennen, um zu erkennen, was wir aneinander haben.

Mein Vater fing an, sich für mein Leben zu interessieren, ebenso seine Frau. Was ihr Umdenken ausgelöst hat, weiß ich nicht. Es fühlte sich gut an.

Auch wenn wir einen harten Weg hinter uns haben, hat mein Vater erkannt, dass es egal ist, wen man liebt und dass ich sein Sohn bin und bleibe.

Mama- mein Fels der Brandung

Meine Mama war immer mein Anker, mein Rettungsboot, mein Hafen, in den ich immer zurück konnte und kann. Sie fängt mich auf, wenn ich doch mal wieder am Boden liege oder der Liebeskummer mein Herz schmerzen lässt.

Ich habe in den letzten Jahren meine Erfahrungen gemacht, gedatet, mich ausprobiert. Aber irgendwann kamen Selbstzweifel auf. Lerne ich überhaupt mal einen Mann kennen, der mich liebt? In einer Großstadt, in dieser, teils sehr oberflächlich geprägten Schwulenwelt? Ich merkte selbst, wie ich immer mehr den Glauben daran verlor und mein Herz und mich verschloss. Ich wollte nicht verletzt und benutzt werden.

Ein neuer Mann- die große Liebe?

Als ich schon fast nicht mehr an die Liebe geglaubt hatte, trat ein Mann in mein Leben, von dem ich dachte, er sei mein Mr. Right. Ich konnte das erste Mal seit langem wieder fühlen und mich fallen lassen. Natürlich dachte ich, es beruhte auf Gegenseitigkeit, denn diesen Anschein vermittelte er mir. Es herrschte so eine Leichtigkeit zwischen uns, wie ich sie bis dato nicht erfahren hatte. Es fühlte sich für mich einfach richtig an.

Aber so wie es eben ist, Sachen, die Menschen geheim halten wollen, kommen dann doch irgendwann raus. Ich war nicht der Einzige, dem er seine Liebe schwor. Empfand er überhaupt genauso wie ich? War ich nur ein schmuckes Beiwerk, eine weitere Kerbe in seinem Bett?

Er hatte Liebschaften und ich war Einer von Vielen.

Als er aufflog, beendete er diese Beziehung, die wahrscheinlich für ihn sowieso keine war. Er riss mir das Herz aus dem Körper. Ich habe mich wohl noch nie so schlecht gefühlt. Der Mensch, der mein Herz das erste Mal nach langem geöffnet hatte, trat es mit Füssen.

Herzschmerz

Ich habe gefühlt Wochen nur geweint, um diesen Schmerz zu überwinden und mich selbst zu heilen. In dieser Zeit war meine Familie mein größter Halt. Sie waren einfach da für mich und haben mir die Geborgenheit und die Stärke wieder zurückgegeben.

Auch mein Vater interessierte sich für mich und ließ mir den Raum und die Zeit, über das Geschehene zu reden. Ich konnte endlich auch vor ihm weinen und musste mich nicht mehr dafür schämen.

Wahre Liebe- Selbstliebe

Es hat lang gedauert, bis ich wieder normal denken konnte. Aber dieses Erlebnis hat mich wiederum stark gemacht, zu wissen, was ich nicht möchte. Ich möchte einen Mann, der mich genauso bedingungslos liebt wie ich es tue und für den ich nicht nur eine von vielen Bettgeschichten und Masse statt Klasse bin.

Ich habe gelernt, was viele Menschen nicht können: alleine sein zu können, ohne in ein Loch zu fallen. Ich genieße mein Leben, meinen Job, habe die tollste Familie, wahnsinnig liebenswerte Freunde, die immer für mich da sind und mich einfach sein lassen, wie ich bin:

Janis.

Ich liebe es, schwul zu sein und werde immer dazu stehen.

 

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Ich heiße Sandra, bin 46, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

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